Historie

 

Der Lagotto Romagnolo

 

Geschichte und heutige Situation (von Dr. Antonio Morsiani)

 

Der Lagotto Romagnolo ist in der TrĂŒffelsuche auf jeder Bodenart spezialisiert; es handelt sich um die einzige Rasse auf der Welt die fĂŒr die Suche dieses wertvollen Tubers spezialisiert ist.

Typischer Wasserhund von mittlerem-kleinem Umfang mit leichter mesomorpher Gestalt, dessen Rumpf im Quadrat steht. Er hat ein derbes Außehen, ist stark gebaut, sehr gut proportioniert, woraus man auch seine gute Anlage zur Arbeit erkennt. Sein Ausdruck ist aufmerksam, intelligent und lebhaft. WĂ€hrend der Arbeit zeigt der Lagotto Leidenschaft und LeistungsfĂ€higkeit indem er seine natĂŒrliche Anlage zur Suche und seinen ausgezeichneten Geruchssinn ausnĂŒtzt. Da er seinen Jagdtrieb gĂ€nzlich verloren hat, ist er gegenĂŒber jeglichem Wild uninteressiert. Er ist leicht trainierbar, sehr an seinen Herrn gebunden und darum auch ein liebevoller LebensgefĂ€hrte. Der Lagotto, mit seinem nĂŒchternen Charakter, hat das Aussehen einer antiken, archaischen Rasse, die die Schwierigkeiten der Zeiten ĂŒberwunden hat und bis in unsere Zeit vorgedrungen ist.

Die Italischen Völker haben schon in alten Zeiten einen erfolgreichen Handelsaustausch mit dem Orient gepflegt. Dieser Handel auf allen Ebenen hat auch die Verbreitung verschiedener BrÀuche und Sitten unter den Völkern bevorzugt und man denkt, dass sich auch die Hunderassen dieser Bewegung angepasst haben. Dies erklÀrt auch die Findungen, die wÀhrend verschiedener archÀologischen Grabungen im Nord-Osten Italiens gemacht wurden und die sich auf die verschiedenen Völkerbewegung der Hundewelt beziehen, im speziellen aber immer wieder auf einen kleinen Wasserhund mit kurzem, borstigem und lockigem Fell hinweisen.

In der etruskische Nekropole von Spina (in der NĂ€he von Ferrara) wurden Bilder betreffend Jagd und Fischerei gefunden, wo immer wieder ein Hund abgebildet wird, der unserem Lagotto sehr Ă€hnlich ist. Die Etrusken, die zwischen dem VI und dem V Jahrhundert v.Chr. Handelsbeziehungen mit unserer nördlichen Bevölkerung hatten, haben sicherlich zur Verbreitung dieser Hunderasse beigetragen. Der Wunsch zur Expansion brachte die Völker des Ostens zur Iberischen Halbinsel und bis zu den Britischen Inseln, diese Erweiterung fand jedoch viel spĂ€ter statt, als die ersten Kontakte mit den italischen Völkern. Als die Wasserhunde wĂ€hren den Eroberungskriegen ĂŒber Nordafrika nach Spanien gelangten, wo der heutige Perro de Agua Español seinen Ursprung hat, waren die Wasserhunde in der italienischen Halbinsel, speziell in den feuchten und sumpfigen Gebieten im Norden des Landes, schon seit Jahrhunderten anwesend.

Aus diesem Grunde ist es doch sehr wahrscheinlich, dass jener Canis acquaticus, der von Linneo genannt wird und von dem er sagt, dass er seit langem im mittellĂ€ndischen Becken vorhanden ist, unser Lagotto ist. Im Bild, das von Linneo gezeichnet wurde, ist die morphologische Ähnlichkeit mit dem lockigen Hund der Romagna sehr eindrucksvoll. Nachdem die etruskische Kultur verschwunden war, blieben aber die Wasserhunde und verbreiteten sich zuerst wĂ€hrend der römischen Zeit und danach auch im Mittelalter speziell im Gebiet von Ravenna, in den TĂ€lern von Comacchio und Venedig bis zum Friaul und Istrien.

In den Bildern im Saal der Hochzeiten, im Herzogenpalast der Gonzaga von Mantova, die von Andrea Mantegna um 1456 realisiert worden sind, ist in der Abbildung der „Begegnung“ zu FĂŒssen des Marquis Ludovico III Gonzaga ein Hund abgebildet, der dem heutigen Lagotto sehr Ă€hnlich ist.

Zahlreiche Zitate in BĂŒchern ĂŒber Folklore, BrĂ€uche und Sitten und ĂŒber die Jagd nennen ab dem XVI Jahrhundert einen kleinen lockigen Hund der das Wild vom Wasser apportiert. Diese Hunde begeleiteten die sogenannten „Vallaroli“ oder „Lagotti“, damals sehr pittoreske Gestalten, die vor der großen Trockenlegung Ende ’800 die wirkliche Seele jener wildreichen Lagunen waren. Die Vallaroli benutzten die berĂŒhmten „tinelle“ (halbierte FĂ€sser), wenn sie die Herrschaften auf die Jagd in den TĂ€lern begleiteten.

Eine weitere TĂ€tigkeit der Vallaroli war die damals weniger bekannte aber umso erfolgreichere TrĂŒffelsuche. Ihr unzertrennlicher Begleiter war der kleine Lagotto, HĂŒter des Bootes und des Hauses, ausgezeichneter Apportierer und Auffinder vor allem von BlasshĂŒhnern, wĂ€hren Hunderte von Booten in den bekannten „rastrelli“ SchwĂ€rme von Tausenden dieser Vögel umkreisten und wahre Massaker anrichteten. Der Lagotto schwamm stundenlang, oft auch wĂ€hrend sehr kalten Tagen wo er manchmal auch Eisschichten durchbrechen musste, um dann die erlegten Vögel auf das Boot zu bringen. Diese TĂ€tigkeit wurde nur durch die Kompaktheit des sehr engen und lockigen Hundefelles mit reicher Unterwolle ermöglicht, eine richtige wasserdichte und wasserabstoßende Schicht. Dadurch kam das Wasser nie mit der Haut in BerĂŒhrung.

Der Name „Lagotto“ rĂŒhrt daher sicherlich von seiner ursprĂŒnglichen Funktion als Wasserhund her. Im Dialekt der Romagna bedeutet „CĂ n LagĂČt“ „Wasserhund“ oder „Hund mit lockigem Haar fĂŒr die Jagd im Sumpfgebiet“. Seine herausragende Anlage zur Suche, seine gute Trainierbarkeit und sein ausgezeichneter Geruchssinn, machten mit der Zeit aus dem Lagotto einen sehr effizienten TrĂŒffelhund.

Wegen der großen Trockenlegung, die im Laufe der Jahrzehnte die weiten Sumpfgebiete von Comacchio und der Romagna schrumpfen und dadurch die Vallaroli fast ganz verschwinden ließen, verlor auch der Lagotto mehr und mehr seine Funktion als Wasserhund und spezialisierte sich immer mehr als TrĂŒffelsucher. Der Übergang von der einen zur anderen Funktion ist zwischen 1840 und 1890 datierbar. Man kann fast sagen, dass zwischen den beiden Weltkriegen fast alle Hundehelfer und TrĂŒffelsucher der Romagna und der umliegenden Gebiete Lagotti waren.

Nachdem die HolzstĂŒtzen der Weinreben durch ZementstĂŒtzen ersetzt, und die WĂ€lder progressiv abgeholzt wurden, wurde der TrĂŒffel, speziell in den TĂ€lern, immer seltener. Der Lagotto erweiste sich dank seinem engen lockigen Fell als idealer Hund fĂŒr die TrĂŒffelsuche in den HĂŒgeln und in den dornigen WĂ€ldern wĂ€hrend der Herbst- und Winterzeit.

Bereits ab 1920 war der Lagotto in den TĂ€lern des Apennins der Romagna, dem Tal des Senio, des Lamone und besonders im Tal des Santerno sehr gut bekannt. Man muss jedoch erwĂ€hnen, dass sich zu jener Zeit niemand fĂŒr die Hunderasse „Lagotto“ als solche interessierte. Die bereits bekannten Rassen genĂŒgten vollkommen, und Kreuzungen wurden oft wegen ihrer StĂ€rke, ihrem Charakter und ihrer WiderstandsfĂ€higkeit gegenĂŒber Krankheiten, mehr geschĂ€tzt. Die TrĂŒffelsucher sind bei der Zucht immer vollkommen empirisch (außerhalb jeder genetischen Regel) vorgegangen, und haben nur auf das sofortige praktische Ergebnis geachtet, d.h. den besten TrĂŒffelhund bekommen, Lagotto oder nicht Lagotto.

Durch die wiederholten blutverwandten Deckungen der Vallaroli von Comacchio, gelangte ein erschöpfter Lagotto in die TĂ€ler der Romagna der auch durch wiederholte und unbegrĂŒndete Kreuzungen mit viel fremdem Blut vermischt war.

Die TrĂŒffelsucher haben aber den Verdienst, dass sie damals unseren Lagotto nicht aussterben ließen. Es ist fast ein Wunder, dass dieser, vom genetischen Standpunkt aus, fast ohne Schaden bis in unsere Zeit vorgedrungen ist.

Mitte der siebziger Jahre beschloss eine Gruppe tĂŒchtiger Hundeliebhaber der Romagna, unter der Leitung von Quintino Toschi, PrĂ€sident der lokalen Gruppe der Hundeliebhaber, unter der Aufsicht von Prof. Francesco Ballotta, großer ZĂŒchter und Richter des E.N.C.I (der sich sehr genau an die Lagotti seiner Jungendzeit erinnerte) und mit der technischen UnterstĂŒtzung von Dr. Antonio Morsiani, weltbekannter Kynologe, Richter und ZĂŒchter, mit der Hilfe von Lodovico Babini, Hundeliebhaber mit großer Erfahrung, diese Rasse vor der totalen Entartung zu retten, die der kompletten Unkenntnis, Unwissenheit und NachlĂ€ssigkeit zuzuschreiben war. Sie begannen gerade noch rechtzeitig mit der genetischen Rekonstruktion des Lagotto und holten ihn aus dem Tunnel ohne RĂŒckkehr der Ausrottung heraus. Die Wiedervereinigung der zwei parallelen Geschichten des Lagottos, jene seiner LagunenursprĂŒnge und jene der AppenninhĂŒgel, schuf die Voraussetzung, um die Rasse wieder zu seiner Reinheit zurĂŒckzufĂŒhren.

Mit der GrĂŒndung des Club Italiano Lagotto, die in Imola im Jahr 1988 erfolgte und die heute weltweit ĂŒber 300 Mitglieder zĂ€hlt, wurden die Voraussetzungen fĂŒr eine offizielle Anerkennung der Rasse seitens des E.N.C.I und des F.C.I geschaffen.

Die offizielle Anerkennung des E.N.C.I. erfolgte 1992 mit der Annahme des morphologischen Standards, der von Dr. Antonio Morsiani abgefasst wurde (nach jahrelangen biometrischen Messungen auf Hunderten von Subjekten). Dank der konstanten Arbeit des Clubs und seiner technischen Mitarbeiter, erfolgte im Jahr 1995 die provisorische internationale Anerkennung durch das F.C.I.

Inzwischen hat die Rasse in Europa und auch weltweit großen Erfolg und konstante Verbreitung nachzuweisen mit immer wachsender Zahl angemeldeter Welpen bei den diversen F.C.I. Kennel Clubs, sowie beim englischen und amerikanischen Kennel Club. Zum Beispiel wurden im Jahr 1994 in Italien 545 Welpen angemeldet gegenĂŒber den 900 Anmeldungen im Jahr 2002. Somit haben sich nach 9 Jahren die Geburten verdoppelt. In LĂ€ndern wie die Schweiz, Finnland, Schweden, Grossbritanien, haben sich die Geburten verzehnfacht, in einigen FĂ€llen sogar verhundertfacht. Die internationale Verbreitung der Rasse wird durch die konstante Steigerung der Welpenmeldungen wie in der Schweiz, in Holland, Deutschland, Frankreich, Finnland, Schweden, Grossbritanien, USA und Australien bewiesen.

Um auf internationaler Ebene eine korrekte morphologische Selektion der Rasse zu gewĂ€hrleisten, ist 1997 die U.M.LAG (Unione Mondiale dei Club Lagotto Romagnolo) gegrĂŒndet worden. PrĂ€sident dieses internationalen Bundes ist Dr. Giovanni Morsiani, die Clubs obgenannter LĂ€nder sind Mitglieder dieser Vereinigung und neue MitgliedschaftsantrĂ€ge neuer Clubs aus aller Welt treffen regelmĂ€ĂŸig ein.

Um die Rase von erblichen Krankheiten zu bewahren, hat der Club Italiano Lagotto schon seit 1992 mit der offiziellen Kontrolle der HĂŒftdisplasie begonnen, dies in Zusammenarbeit mit dem von Dr. Cesare Pareschi, Ferrara, geleitetem Zentrum. Auf Hinweis des E.N.C.I. betreffend die Kontrolle erblicher Krankheiten, arbeitet der C.I.L. seit kurzer Zeit, neben dem bereits erwĂ€hnten Zentrum, nun auch mit der F.S.A. von Cremona zusammen, geleitet von Dr. Aldo Vezzosi. Die technische und sanitĂ€re Kommission des Clubs fĂŒhrt seit Jahren sehr aufmerksame Kontrollen in bezug auf einige der hĂ€ufigsten erblichen Krankheiten durch, die bei Wasserhunden mit wachsendem lockigem Haar auftreten können. Weitere Kontrollen betreffen erbliche Augenkrankheiten und einige Herzpathologien.

Um die ursprĂŒnglichen ArbeitsqualitĂ€ten des Lagotto Romagnolo zu erhalten, organisiert der Club Italiano Lagotto „Quintino Toschi“ seit Jahren auf dem ganzem italienischen Gebiet EignungsprĂŒfungen fĂŒr die TrĂŒffelsuche, dies mit viel Erfolg in bezug auf Teilnahme, Perfektionierung und Studien betreffend funktionelle QualitĂ€t der Rasse. Dies erlaubte die Erarbeitung eines Vorschlages fĂŒr den Arbeitsstandard der Rasse (ausgestattet mit der Regelung zur EignungsprĂŒfung), der 1999 vom Club dem E.N.C.I. unterbreitet wurde. In diesen Jahren haben wir auch Richter fĂŒr diese EignungsprĂŒfungen ausgebildet. An der jĂ€hrlichen Arbeitsmeisterschaft des C.I.L. die seit 1999 in verschiedenen italienischen Regionen, wo sich geeigneter Boden fĂŒr die TrĂŒffelsuche befindet, ausgefĂŒhrt wird, sind zahlreichen Hunde von italienischen und auslĂ€ndischen Besitzern anwesend, die auch an Schönheitskonkurrenzen teilnehmen. Dies ist der Beweis dafĂŒr, dass unser Einsatz fĂŒr den Erhalt der ursprĂŒnglichen Eigenschaften betreffend die Anlage der Rasse zur Arbeit, geschĂ€tzt wird. Diese ArbeitsprĂŒfungen geben dem Club die Möglichkeit nicht nur die morphologischen Funktionen der Rasse unter Kontrolle zu halten, sondern auch den Charakter, seit je her ein Plus Punkt des Lagotto Romagnolo.

Vom morphologischen Standpunkt aus gesehen hat sich der Lagotto Romagnolo in den letzten Jahren weiterhin verstĂ€rkt. Aufmerksame und hĂ€ufige biometrische Tests die anlĂ€sslich spezifischer Tagungen, Treffen und Versammlungen des Clubs durchgefĂŒhrt werden, zeigen einen ausgezeichneten morph-funktionalen Einklang der Rasse gegenĂŒber dem offiziellen morphologischen Standard der 1991 von Dr. Antonio Morsiani abgefasst wurde. Schon seit einiger Zeit zeigt sich eine gute GleichmĂ€ĂŸigkeit in der Rasse, mit der Übertragung der typischen Eigenschaften in den verschiedenen Blutlinien.

Vor einigen Jahren haben wir dem E.N.C.I. vorgeschlagen, den morphologischen Standard mit zwei PrĂ€zisierungen betreffend Frisierung des Felles und deren Farbe zu ergĂ€nzen. Dies hat sich fĂŒr nötig erwiesen, um gefĂ€hrliche Abweichungen vom rustikalen Typ der Rasse auszuschließen. Diese Abweichungen waren ĂŒbertriebenen Frisierungen, zum großen Teil seitens italienischer und auslĂ€ndischer Profi-Handler zuzuschreiben. Im ĂŒbrigen ist und bleibt der originale italienische Standard bis heute das typische ideale Portrait unserer Rasse.

Dieser Text ist das von Dr. Antonio Morsiani, nach zwanzigjĂ€hrigen PrĂŒfungen, Kontrollen und Messungen auf Hunderten von Subjekten, abgefasste Original. Der Standard des Lagotto Romagnolo, der im Juli 1992 vom E.N.C.I. anerkannt worden ist, ist in allen LĂ€ndern des F.C.I. der einzig gĂŒltige. Die wörtliche Übersetzung des Textes in den Sprachen deutsch, französisch, englisch und spanisch sind vom F.C.I. am 10 MĂ€rz 1995 anerkannt worden. Am gleichen Tag ist die Rasse auf internationaler Ebene anerkannt worden.

 




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